Über das Ohr
Unser Gemütszustand wird neben unserer inneren Einstellung, die Thema dieses Buches ist, und den äußeren Umständen, die in einem eigenen Band (Teil III) beschrieben werden, auch von unseren Hörgewohnheiten beeinflusst. Insofern kann ein Partyhit große Bedeutung für uns gewinnen, etwa wenn wir ihn mit einer Verliebtheit, einem Urlaub oder mit einer anderen schönen Erfahrung verbinden. Das ist gut so. Allerdings sollte man sich auch akustisch nicht nur von Hitparaden und „Fastfood-Musikkonserven“ ernähren. Je kunstvoller Musik arrangiert ist, umso zeitloser kann sie uns auf subtiler Ebene inspirieren und das Selbst ansprechen.
Neben klassischer Musik und der vielfältigen Ethno-Weltmusik bietet auch das modernere Blues-Rock-Jazz-Segment ein großes Spektrum von Musikern, die es verstanden haben, etwas Elementares musikalisch auf den Punkt zu bringen und unmittelbar erfahrbar zu machen. Ein charismatischer Liedermacher wie Paolo Conte, eine Band, die die Kraft der Melancholie auf intensive Weise umsetzt wie King Crimson, das Mahavishnu Orchestra mit seinen musikalischen Abbildern unserer Seelenwelt oder die zurückhaltenden, perfekt nuancierten Arrangements von Weather Report können unser Innenleben sehr bereichern – sofern wir stimmig damit sind. Aber auch das „Schreckgespenst des Bürgertums“ Alice Cooper schafft bei aller thematischen Morbidität sehr differenzierte Klangbilder, in denen das Leben vor dem Hintergrund des stets präsenten Todes nur umso kraftvoller erscheint. Und Kate Bush? Nein, sie piepst nicht nur, sondern hat auch sehr starke Stücke geschaffen. So möchte ich Ihnen nachfolgend eine kleine, bunte Liste von Interpreten anbieten, die es (nicht nur meiner Meinung nach) geschafft haben, elementare Gefühle musikalisch stark umzusetzen. Ich bin überzeugt, hier findet jeder zumindest eine neue Entdeckung!
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Weder möchte ich behaupten, dass alle Werke dieser Künstler pures Gold sind und jedem gefallen müssten, noch erhebt die Liste einen Anspruch auf Vollständigkeit. Sehen Sie mir auch bitte nach, wenn ausgerechnet Ihr Lieblingsinterpret nicht darin auftaucht. Es gibt so viel Musik, die uns abhängig von unserer aktuellen Verfassung auf geheimnisvolle Weise seelisch berührt – und dabei auch Kräfte in uns freisetzt. Jeder ist auch hier selbst gefordert herauszufinden, welche Stücke ihn/sie „ansprechen“. Vielleicht versuchen Sie es mal mit...
Abdullah Ibrahim
(coole, inspirierende Musik aus Afrika, teilweise besinnlich, teilweise groovig mit viel Drive)
Alice Cooper
(der Schöpfer des „subtilen musikalischen Theaters“, extrem in der Thematisierung von Tabus, ein Beuys der Rockmusik, an dem sich die Geister scheiden: provozierend, authentisch, menschlich, hilflos und stark. Zum Reinhören: Years Ago, Halo of Flies, The Awakening, Mary-Ann, Beautiful Flyaway, Going Home)
Alison Morissette
(gefühlsstark mit Schwerpunkt auf der verbalen, gesanglichen Ebene)
Apocalyptica
(Cello satt, wer Cello mag, schön schwermütig)
Barbara Thompson
(äußerst kreative Musikerin auf Querflöte und Saxophon)
Beggars Opera
(soulige Band mit schönen, schwärmerischen Stücken)
Brand X
(fast ausschließlich instrumental, viele schöne Titel z.B. And So To F)
Colosseum
(Klassiker des Blues-Jazz-Rock, ein Urgestein mit vielen Perlen, zum Reinhören: The Grass Is Greener, Beware The Ides Of March, I Could Tell You Tales, Secret Places)
Eels
(melancholisch, aber mit viel Selbstbehauptung, auf weiten Strecken richtig genial)
Elbow
(Melancholie-Newcomer, sehr schön ruhig und träumerisch)
Eric Burdon
(altbekannt, doch immer wieder für eine Neuentdeckung gut: die Texte, schlicht und genial, dabei musikalisch sehr eigenständig)
Genesis
(der Progrock-Klassiker kann immer wieder begeistern, zumindest mit den zahlreichen alten Stücken)
Gomez
(cool, unkonventionell und Blues, gerade auch für Nicht-Blues-Fans)
Joni Mitchell
(die kanadische Songwriterin mit der Vier-Oktaven-Stimme hat viele stilistische Stationen durchlaufen, alle hörenswert, echte Perlen dabei: Fiction, Jungle Line, Shadows And Light)
Kate Bush
(besonders die frühen Scheiben warten mit zeitlosen Klassikern auf: Cloudbusting, Running Up That Hill, Under Ice, etc)
King Crimson
(wer sich auf die Komplexität der Musik einlässt, wird belohnt: echte Seelenmassage in schweren Zeiten! Erstkontakt am besten über ruhigere Stücke: Moonchild, Trio, Islands, Starless, Marine 475, Formentera Lady, Song Of The Gulls, Sailor’s Tale, Exiles, The Night Watch, Circus)
Larry Coryell
(wie Joni Mitchell ein Musiker, der viele Stile durchlaufen hat, hierzulande weitgehend unbekannt, aber der Amerikaner besitzt die Fähigkeit zum Brückenschlag, von skuril über jazzig und ethno bis entspannt: Toy Soldiers, Short Time Around, Elemental Guitar Solo, Can You Follow, Foreplay, Lady Coryell, Hermann Wright, Two Minute Classical, Stiff Neck, The Dream Thing)
Led Zeppelin
(besonders die akustischen Gitarrenstücke und die Sessions mit afrikanischen Musikern haben zeitloses Potenzial, daneben gibt es die Hits); auch sehr interessant, was Page & Plant anschließend gemeinsam produziert haben!
Mahavishnu Orchestra
(erhabene musikalische Abbilder der Seele, alle Höhen und Tiefen auslotend, bei aller (gewöhnungsbedürftigen?) Komplexität harmonisch, echt stark! Zum Reinhören: Smile Of The Beyond, A Lotus On Irish Streams, Peace Two, Earth Ship, You Know You Know)
Midnight Oil
(man spürt die Spielfreude und den Schulterschluss mit den Aborigenes)
Paolo Conte
(italienisches Urgestein, charmant, aussagestark, authentisch)
Pat Metheny
(der musikalische Träumer mit vielen wunderschönen Melodien)
Peter Gabriel
(prägte nicht nur Genesis, sondern hat auch solo viel zu bieten!)
Santana
(schon immer ein eigener Sound, nie verbraucht, zeitlos swingender Latinrock)
Sinead O’Connor
(das sensible, kämpferische Stimm- und Ausdruckswunder, Empfehlung: )
Steve Vai
(phantasievoller Zauberer mit genialer Leichtigkeit, zum Überzeugen: Rescue Me Or Bury Me, Hand On Heart, Love Secrets, Call It Sleep, Touching Tongues, In My Dreams With You, Light Of The Moon, Interlude, The Riddle)
Weather Report
(die Altmeister der leisen Töne im perfekten Zusammenspiel zwischen Keyboards und Saxophon, absolut zeitlos und immer wieder eine Klasse für sich)
Yes
(bombastisch und komplex, rein und elementar, einfach klassisch)
Zucchero
(italienisch, vielseitig, ausdrucksstark)
Viel Spaß beim Reinhören!
Wenn Sie die Liste ergänzen möchten, so können Sie per E-Mail gerne Musik empfehlen, die Ihnen – gerade in Krisenzeiten und vielleicht auch schon seit längerem – Zuversicht vermittelt, Kraft gibt oder zu neuen Erkenntnissen inspiriert. Also bitte nicht einfach den aktuellen Lieblingshit posten! Wenn Sie Ihrer Empfehlung für Ihre Seelenmusik eine kurze, ein- bis zweizeilige Erläuterung anfügen, erleichtert es anderen „Über-das-Ohr-Lesern“ die Orientierung. Danke!
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